Wie bereiten wir Kinder und Jugendliche darauf vor, sich in einer unsicheren und komplexen Welt zurechtzufinden? Darauf hat Prof. Johannes Lindner eine Antwort: Indem wir ihren entrepreneurial mindset stärken, Zukunftskompetenzen vermitteln und ihnen eine Welt voller Chancen und Möglichkeiten anbieten. Aus dieser Idee entstand seine Initiative IFTE #Entrepreneurship4Youth. Für Play Economy berichtet er von seinen Erfahrungen und Erfolgen.
Play Economy: Herr Prof. Lindner, warum ist Entrepreneurship Education gerade für junge Menschen so wichtig?
Prof. Johannes Lindner: Junge Menschen wachsen in einer Welt auf, die sich ständig verändert. Sie brauchen die Fähigkeit, Chancen zu erkennen, Probleme zu lösen und Verantwortung zu übernehmen. Entrepreneurship Education stärkt genau das: die Selbstwirksamkeit. Sie zeigt jungen Menschen: Ich kann etwas bewegen. Es geht darum, dass alle die Zukunft gestalten können. Wer Zukunft will, muss Gestaltungskompetenz erwerben.
Wo springt nach Ihrer Erfahrung bei Jugendlichen der Funke über?
Der Funke springt über, wenn es echt wird, also wenn Jugendliche an realen Problemen arbeiten, eigene Ideen entwickeln und merken: Das hat Wirkung. Sobald sie Verantwortung übernehmen dürfen, entsteht Energie. Eigenes Tun begeistert. Wenn man jungen Menschen etwas zutraut, wachsen sie über sich hinaus. Junge Menschen wollen (mit)gestalten.
Wenn junge Menschen spüren, dass ihre Projekte außerhalb des Klassenzimmers Bedeutung haben, entsteht Selbstwirksamkeit und der Funke geht über zum Entrepreneurial Mindset. Eine Entrepreneurial Journey ist wichtig. Der Entrepreneurial Mindset entsteht nicht in einem einzelnen Projekt, sondern durch wiederholte Erfahrungen, Reflexion und Weiterentwicklung. Mehrere aufeinander aufbauende kleine und größere Herausforderungen als Lerngelegenheiten ermöglichen es, Gestaltungskompetenz und Resilienz zu entwickeln.
Entrepreneurship Education ist längst nicht in allen deutschen Bundesländern Bestandteil des Lehrplans. Was braucht es? Oder anders gefragt: Wie kann ich mich dennoch als Lehrkraft für Entrepreneurship Education begeistern?
Entrepreneurship Education darf nicht mit zusätzlichen Pflichten verbunden sein, sondern mit Sinn und Unterstützung. Viele Lehrkräfte fördern in ihrem Unterricht bereits Kreativität, Teamarbeit und Problemlösung. Entrepreneurship Education gibt diesen Kompetenzen einen klaren Rahmen. Entscheidend sind gute Praxisbeispiele, Fortbildungen und ein unterstützendes System. Wenn Lehrkräfte sehen, wie motiviert ihre Schüler:innen arbeiten, überzeugt das mehr als jede Vorgabe. Gute Entrepreneurship Education beginnt bei den Lehrkräften. Deshalb braucht es gezielte Fortbildung und eine systematische Erweiterung des Methodenrepertoires. Mit „Wirtschaft spielend lernen“, einer von uns entwickelten Spieledatenbank, erhalten Lehrkräfte praxisnahe, erprobte Methoden, um wirtschaftliche und Entrepreneurship Kompetenzen aktivierend zu lernen. Unser Fallstudienportal ermöglicht Lernen und Prüfen anhand realer Fallstudien, aus der Praxis für die Praxis. Lehrkräfte arbeiten dort mit authentischen Entscheidungssituationen, die Analysefähigkeit, Urteilsvermögen und Problemlösungskompetenz fördern. So entsteht Unterricht, der Denken trainiert. Entrepreneurship Education wird dadurch professionell verankert, didaktisch fundiert, methodisch vielfältig und unmittelbar anschlussfähig an die Lebens- und Wirtschaftswelt der Lernenden.
Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis im Rahmen Ihres Engagements für Entrepreneurship Education?
Die stärksten Momente sind die, wenn Jugendliche sagen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.“ Wenn junge Menschen über sich hinauswachsen, Verantwortung übernehmen und Wirkung erzielen, dann sieht man, warum Entrepreneurship Education wichtig ist. Bewegende Erfolgserlebnisse gibt es immer dann, wenn Jugendliche reale Probleme lösen. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist das Projekt Night Saver: Michael Stermann und Johannes Franner haben sich hier der Problematik von K.-o.-Tropfen angenommen, einem Thema mit hoher gesellschaftlicher Relevanz. Statt bei einer Projektidee stehenzubleiben, haben sie geforscht, getestet, verbessert und schließlich eine marktreife Lösung entwickelt, um schnell und einfach beim Feiern zu testen, ob das eigene Getränk manipuliert wurde. Dass daraus 21 Patente entstanden sind, zeigt, welches Potenzial freigesetzt wird, wenn man Jugendlichen Verantwortung, Vertrauen und professionelle Begleitung gibt.
Ein weiteres feines Beispiel ist SWIPZ. Sophie Drescher und Lina Gallei bieten mit diesem Angebot eine direkte Integration von jungen Perspektiven in strategische Entscheidungsprozesse von Unternehmen. Sie verstehen unter Jugendbeteiligung keinen Imagefaktor, sondern einen Wettbewerbsvorteil und etablieren sich mit ihren Beratungsangeboten und Austauschformaten als Schnittstelle zwischen jungen Perspektiven und vorausdenkenden Unternehmen. Solche Projekte beweisen: Entrepreneurship Education kann konkrete gesellschaftliche Wirkung entfalten. Langfristig geht es um die Stärkung eines Entrepreneurial Mindsets im Sinne eines Growth Mindsets der nächsten Generation. Ziel ist es, jungen Menschen Teilhabe an Gesellschaft und Wirtschaft durch eigene Ideen und Projekte zu ermöglichen. Sie übernehmen Verantwortung und probieren sich aus. Wenn diese Haltung in Schulen und Hochschulen spürbar wird, ist das echter Erfolg und ein Zeichen für eine gelebte Innovationskultur.
Zur Person
Prof. Johannes Lindner ist Gründer und Vorsitzender von IFTE #Entrepreneurship4Youth mit Sitz in Wien und Bundeskoordinator für Entrepreneurship Education des Bildungsministeriums Österreich. Er arbeitet als Hochschullehrer und Leiter der Fachstelle für Entrepreneurship Education und wertorientierte Wirtschaftsdidaktik an der KPH Wien/Niederösterreich und unterrichtet an der Startup Handelsakademie Wien sowie der Universität Wien.
www.ifte.at
www.jedeskindstärken.at
www.jugendstärken.at
www.youthstart.eu