Zurück

Was wir von Gregor Demmer über die Kraft von Planspielen lernen können

Gregor Demmer ist mehrfacher Unternehmensgründer, Landessprecher des Startup-Verbands in Rheinland-Pfalz und leidenschaftlicher Fußball-Schiedsrichter. Für das Pilotprojekt „Moderne Wege der Berufsorientierung“ an der Hochschule Trier hat er das Planspiel „Margaritae Treverorum“ entwickelt. Im Interview berichtet er, wie er aus der Corona-Krise heraus den Amateuersport digitalisierte, warum wir in Deutschland eine bessere Fehlerkultur brauchen und weshalb er Lehrkräften rät, Planspiele im Unterricht einzusetzen

Play Economy: Herr Demmer, Sie haben bereits 2011 während Ihres Studiums Ihr erstes Unternehmen gegründet. Wie fing alles an?

Gregor Demmer: Mein Mitgründer Johannes und ich haben beide BWL studiert und uns war die Theorie an der Universität schlicht zu trocken. Wir wollten Praxiserfahrung sammeln. Im Jahr 2011 haben wir dann eine Unternehmergesellschaft (UG) – übrigens damals die dritte in ganz Rheinland-Pfalz – gegründet. Ursprünglich wollten wir damit nur formal Rechnungen für kleinere Projekte schreiben, aber daraus wurde schnell etwas Ernsthaftes. Wir bauten eine Webseite zur Vermittlung von Kreuzfahrten auf, um das Online-Buchungserlebnis zu optimieren, das zu dem Zeitpunkt eine Katastrophe war. Bis 2020 wuchs dieses Unternehmen, EURESAreisen, auf 40 Mitarbeitende an. Dann kam Corona und setzte unseren Umsatz von 100 auf 0. Wir hatten damals zwar keinen Plan B, aber wir haben versucht, das Unternehmen mit maximaler Flexibilität und offenen Augen durch diese Krise zu navigieren. So kam es dazu, dass wir mit einem Teil des Teams „Vereinsticket“ gegründet haben.

Wie kam es genau dazu, dass Sie ausgerechnet den Amateursport digitalisiert haben?

Ich bin selbst seit 16 Jahren ehrenamtlicher Fußball-Schiedsrichter. Als im Sommer 2020 der Sportbetrieb unter strengen Hygieneauflagen wieder startete, standen die Vereine vor dem Problem der Kontaktdatenerfassung mit Stift und Papier. Ein Mitarbeiter des Sportdezernats in Trier sprach mich nach einem Spiel an: „Gregor, ihr seid IT-Unternehmer, könnt ihr uns nicht was Schlaueres bauen?“. Also passten wir ein bestehendes Ticketsystem für Schwimmbäder auf die Bedürfnisse von Vereinen an. Innerhalb von zwei Wochen wollten 40 Vereine das Tool haben und nach und nach kamen immer mehr von ihnen auf die Idee, unser Tool nicht nur fürs Ticketing, sondern für verschiedenste Anwendungsfälle – etwa das Einwerben von Spendengeldern – zu nutzen. Da haben wir erkannt, dass unsere Lösung Potential hat, und uns überlegt, wie wir daraus ein Geschäftsmodell entwickeln können.

Heute ist Vereinsticket eine Komplettlösung, die Ehrenamtliche bei der Mitgliederverwaltung, Trainingsplanung und bargeldlosen Zahlungsabwicklung entlastet – und von allen Vereinsarten, also über den Sport hinaus, genutzt werden kann.

„Unternehmertum ist eine perfekte Persönlichkeitsschule“

Im Zusammenhang mit Start-Ups und Existenzgründung werden hierzulande oft der Mut und das Risiko, die es für eine Gründung braucht, zum Thema gemacht. Wie bewerten Sie als mehrfacher Gründer die deutsche Fehlerkultur?

Das ist eine der größten Bürden in Deutschland. Während man in den USA von einem „nice try“ spricht, also einem positiven Versuch, ist der Begriff des Scheiterns bei uns sehr negativ behaftet. Unternehmertum ist eine perfekte Persönlichkeitsschule. Man muss Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben. Hier ziehe ich oft Parallelen zu meiner Tätigkeit als Schiedsrichter: Auf dem Platz wirst du unmittelbar mit Fehlern konfrontiert. Du triffst eine Entscheidung unter Risiko und musst danach noch bis zum Ende des Spiels mit diesem Fehler im Rücken weiterarbeiten. Man kann sich nicht auswechseln, man kann sich nicht entziehen und so lernt man, proaktiv und kommunikativ mit Fehlern umzugehen.

Sie haben selbst als Schüler in der 9. Klasse an einem Planspiel teilgenommen. Welchen Einfluss hatte das auf Ihren Weg?

Das Planspiel hatte einen riesigen Einfluss. In der Schule war ich kein Überflieger, aber in der Wirtschafts-AG bei diesem Spiel, bei dem wir Perlenketten bauen mussten, habe ich gemerkt: Darin bin ich richtig gut! Ich verstand plötzlich, wie man Kapazitäten einsetzt und clevere Entscheidungen trifft. Diese spielerischen Kontaktpunkte geben Jugendlichen Sicherheit und nehmen die Angst vor der Komplexität, weil man merkt: Da wird auch überall nur mit Wasser gekocht. Das hat sich dann wie ein roter Faden durch meine Schulzeit gezogen: Ab der 10. Klasse habe ich vier Jahre in Folge am Deutschen Gründerpreis für Schüler teilgenommen. In der 11. Klasse haben wir es mit meinem Team sogar bundesweit in die Top Ten geschafft. Diese ständigen spielerischen Kontaktpunkte haben mich geprägt und mir die Sicherheit für meine späteren Gründungen gegeben.

„Ich habe gemerkt: Darin bin ich richtig gut!“

Um diese Erfahrung heute an die nächste Generation weiterzugeben, habe ich für das Pilotprojekt „Moderne Wege der Berufsorientierung“ selbst ein Planspiel entwickelt, das nach der Premiere 2025 in diesem Frühjahr zum zweiten Mal mit Jugendlichen aus Trier Schulen durchgeführt wurde. Es trägt den Namen „Margaritae Treverorum“. In diesem Szenario schlüpfen die Schüler:innen in die Rolle von Gründer:innen einer Perlenkettenmanufaktur. Das Format soll als Blaupause dienen, um Gründung als realistische Karriereoption erlebbar zu machen.

Die kürzlich veröffentlichte Ausgabe 2025/26 des Global Entrepreneurship Monitors (GEM) betont die hohe Bedeutung von Role Models und Netzwerken für Gründer:innen. Hatten auch Sie Rollenvorbilder, an denen Sie sich orientiert haben?

Ich komme aus einem Haushalt, in dem selbstständiges Arbeiten durch meinen Vater, der Anwalt mit eigener Kanzlei war, immer präsent war. Ein prägendes unternehmerisches Role Model lernte ich später bei einem Praktikum kennen: Klaus Stein, den Gründer des Staubsaugerherstellers Sebo. Seine Geschichte hat mich fasziniert: Er hat in seiner Garage angefangen zu tüfteln und daraus ein weltweit erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Besonders beeindruckt hat mich aber seine menschliche Art. Er kannte jeden seiner etwa 500 Mitarbeitenden beim Namen und begegnete ihnen mit höchster Wertschätzung. Solche Persönlichkeiten waren mein Ansporn, selbst ein Umfeld zu kreieren, in dem Menschen gerne arbeiten.

Ich glaube, in jedem von uns muss ein ganz kleines Flämmchen lodern. Wenn man dann durch diese Inspiration der Role Models „Zunder“ darauf wirft, aber eben auch durch die praktische Erfahrung in Planspielen, dann merkt man, wie das Feuer immer größer wird. Es muss so groß brennen, dass es eine gewisse Stabilität bekommt und nicht mehr durch einen Windstoß oder einen Tritt ausgeht. Leider findet genau dieser Prozess in unserer schulischen Bildung viel zu wenig statt. Und in Elternhäusern wird dieser Geist meist nur dort geweckt, wo die Eltern selbst diesen Weg gegangen sind. Deswegen sind Planspiele im Unterricht aus meiner Sicht essenziell.

Welche beruflichen Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht heute in einer zunehmend digitalen Welt unverzichtbar?

Ganz klar die Teamarbeit. Aber der Begriff weitet sich aus: Zukünftig bedeutet Teamarbeit nicht mehr nur, mit Menschen zu arbeiten, sondern auch mit KI-Agenten im Team zu kooperieren. Bei unserem letzten Planspiel in Trier hat man gesehen: Die Teams, die intern funktionierten, standen oben auf der Liste. Zudem ist echte Kommunikation essenziell. In einer Welt voller Emojis müssen Jugendliche wieder lernen, wie man Informationen so aufbereitet, dass das Gegenüber versteht, worum es geht, und wie man Kompromisse findet. Das kann man in Planspielen hervorragend trainieren.

Welchen Rat geben Sie Lehrkräften, die überlegen, Entrepreneurship Education in ihren Unterricht zu integrieren?

Tun Sie es! Ein Planspiel spricht Fähigkeiten an, die im normalen Unterrichtssetting oft zu kurz kommen: selbstständiges Arbeiten an einer echten Herausforderung über mehrere Stunden hinweg. Wichtig ist dabei eine klare Erfolgsmessung. Ich bin ein Fan davon, dass es im Spiel um fiktives Geld geht, denn Geld ist in der Wirtschaft nun mal der Gradmesser. Schüler:innen müssen spüren, ob ihr Handeln zu einem Ergebnis geführt hat – das erzeugt die schönsten Aha-Momente.

Zur Person

Gregor Demmer ist CEO & Co-Founder von „Vereinsticket“, einer digitalen Infrastrukturlösung für die Vereinsarbeit, die 2020 gegründet wurde und inzwischen bundesweit zum Einsatz kommt. Als Landessprecher des Startup-Verbands in Rheinland-Pfalz und Mitglied des Startup-Boards RLP setzt er sich zusätzlich aktiv für ein starkes Gründerökosystem in der Region ein. Demmer gründete sein erstes Unternehmen 2011 noch während des Studiums in Trier. Seit 2010 engagiert er sich zudem ehrenamtlich als Fußball-Schiedsrichter. Für das Pilotprojekt „Moderne Wege der Berufsorientierung“ hat er ein Planspiel entwickelt, mit dem Jugendlichen spielerisch die Themen Unternehmensgründung und unternehmerisches Denken vermittelt werden. Initiiert wurde das Projekt durch die Wirtschaftsförderung Trier in Zusammenarbeit mit SCHULEWIRTSCHAFT RLP, Startup Verband, Hochschule Trier, Gründungsbüro Trier, Bundesagentur für Arbeit, Sparkasse Trier und Volksbank Trier Eifel.

Weitere Informationen unter:
www.vereinsticket.de
https://euresa-reisen.de/ueber-uns
https://rheinlandpfalz.startupverband.de
https://www.hochschule-trier.de/hochschule/aktuelles/news-und-pressemitteilungen/news-detail/startup-battle-2026-begeistert-rund-100-schuelerinnen-an-der-hochschule-trier