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Was bewirkt ein ‚entrepreneurial mindset‘?

Warum ist es wichtig, bereits bei Kindern und Jugendlichen ein ‚entrepreneurial mindset‘ zu fördern? Und welche Rolle spielt unternehmerisches Denken dabei, junge Menschen auf eine zunehmend unsichere, sich wandelnde Welt vorzubereiten? Darüber haben wir mit Anna-Lena Gerber gesprochen. Sie ist seit Oktober 2025 Co-Leiterin des Kompetenzzentrums für Entrepreneurship Education (EEK) Schleswig-Holstein. Nach eigenen Gründungen und Tätigkeiten als Geschäftsführerin wechselte sie 2024 in die Bildungsarbeit beim Träger und leitete dort den Wettbewerb Impact Battle. Diese Erfahrungen prägen ihre heutige Arbeit im Kompetenzzentrum.

„Mir fehlte lange das Wissen, dass Gründen auch ein Weg für Menschen wie mich sein kann“

Play Economy: Frau Gerber, Sie sind selbst Gründerin. Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, unternehmerisches Denken nicht erst an Hochschulen zu vermitteln – sondern bereits in der Schule?

Anna-Lena Gerber: Ich selbst habe mit 27 gegründet. Das ist zwar jung, aber der Wunsch, etwas zu gestalten, war schon immer da. Mir fehlte nur lange das Wissen, wie Unternehmertum funktioniert und dass Gründen auch ein Weg für Menschen wie mich sein kann. Ich komme aus dem sozialen Bereich, war Erzieherin und habe im Bereich Kinderbetreuung gearbeitet. Als Unternehmerin habe ich mich da lange nicht gesehen. Dabei ist aus genau dieser Erfahrung meine erste Gründung entstanden: eine Plattform für die gegenseitige Unterstützung von Familien, über die sich zeitweise mehr als 30.000 Familien vernetzt haben. So geht es auch vielen Kindern und Jugendlichen. Sie haben Ideen, sehen Probleme – aber kommen nicht darauf, dass sie selbst etwas bewegen können. Frühe Entrepreneurship Education zeigt ihnen: Deine Perspektive zählt! Sie macht Vielfalt sichtbar, ermutigt und stärkt Selbstwirksamkeit. Ganz nebenbei entstehen dabei wichtige Kompetenzen wie Kreativität, Teamarbeit und der Umgang mit Unsicherheit.

Unternehmerisches Denken wird oft mit Unternehmensgründung gleichgesetzt. Welche Kompetenzen erwerben junge Menschen durch Entrepreneurship Education, auch wenn sie später gar nicht selbst gründen?

Bei Entrepreneurship Education geht es nicht um Gründung per se, sondern darum, Ideen in die Umsetzung zu bringen. Ob das ein Schulprojekt ist, eine Initiative im Stadtteil oder später ein Projekt im Unternehmen oder im sozialen Bereich, spielt keine Rolle. Junge Menschen lernen unter anderem: eigene Ideen ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln, im Team zu arbeiten und verschiedene Perspektiven einzubeziehen, Verantwortung zu übernehmen, mit Unsicherheiten umzugehen und eigene Fehler zu tolerieren und gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge zu verstehen. Das sind Kompetenzen, die später überall gebraucht werden, zum Beispiel, wenn man in einem Team neue Projekte entwickelt, Verantwortung übernimmt oder bestehende Strukturen verbessern möchte. Entrepreneurship Education vermittelt jungen Menschen das Vertrauen, aktiv mitzugestalten. Und das passiert unabhängig davon, ob sie irgendwann gründen oder nicht.

„Der konstruktive Umgang mit Unsicherheit wird zur Schlüsselkompetenz der Zukunft“

Wie hilft unternehmerisches Denken Kindern und Jugendlichen dabei, sich in einer zunehmend unsicheren und sich schnell verändernden Welt zurechtzufinden?

Wir leben in einer Zeit, in der in der viele Gewissheiten wegfallen: Berufsbilder verändern sich, Krisen sind alltäglich, Herausforderungen werden komplexer. Das spüren auch junge Menschen. Entrepreneurship Education hilft, nicht im Problem zu verharren, sondern handlungsfähig zu werden. Sie vermittelt: Ich kann etwas ausprobieren. Ich darf scheitern. Ich kann nachjustieren. Das ist enorm wichtig, denn gerade der konstruktive Umgang mit Unsicherheit wird zur Schlüsselkompetenz der Zukunft. Lernen wird nicht als „richtig oder falsch“ verstanden, sondern als Entwicklung. Das gibt Jugendlichen Orientierung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Genau hier setzt ja das EEK an – was sind die zentralen Ziele des Kompetenzzentrums?

Unser Ziel des ist es, Schulen konkret dabei zu unterstützen, unternehmerisches Denken und Handeln sinnvoll, praxisnah und langfristig in den Schulalltag zu integrieren. Wir wollen keine neuen Parallelstrukturen aufbauen, sondern vorhandene Angebote, Netzwerke und Erfahrungen bündeln und sichtbar machen. Das EEK versteht sich als zentrale Anlaufstelle für Lehrkräfte, Schulen und schulische Multiplikator:innen in Schleswig-Holstein. Wir sind nah an der Praxis und an den realen Bedarfen.

Von Informationsangeboten über Fortbildungen bis zur Startup-Kooperation

Welche konkreten Angebote können Schulen vom EEK erwarten?

Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf Informations- und Orientierungsangeboten für Lehrkräfte: Wir zeigen niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten, bündeln bestehende Angebote und geben praktische Impulse für den Unterricht. Zudem entwickeln wir Fortbildungen – teils in Kooperation mit Partnern – damit Lehrkräfte Entrepreneurship Education selbstständig umsetzen können. Ein weiterer Fokus liegt auf Vernetzung: Wir bringen Schulen mit Start-ups und Unternehmer:innen zusammen, z. B. über Schulbesuche, Austauschformate oder außerschulische Lernorte. So erhalten Schüler:innen authentische Einblicke in die reale Arbeitswelt. Ergänzt wird das durch den Aufbau eines Netzwerks aus innovativen Lernorten sowie durch eine zentrale Website, auf der Materialien, Veranstaltungen, Räume und Partner gebündelt zugänglich sind.

Zur Website des Entrepreneurship Education Kompetenzzentrums (EEK) Schleswig-Holstein geht es hier: https://www.ee-kompetenzzentrum.sh